eSport in Deutschland: Wettbewerb um Anerkennung

Lesezeit: 4 Minuten

Umsätze in dreistelliger Millionenhöhe, Arenen gefüllt bis unters Hallendach und beinahe wöchentlich die Meldung von neuen Profi-Spielern: Der eSport in Deutschland entwickelt sich mit rasender Geschwindigkeit. Aus der Nische hat sich binnen kürzester Zeit ein wahres Massenphänomen entwickelt. Von der Jugendkultur zum boomenden Wirtschaftsmarkt – und zu einer neuen Sportart?

Darüber wird ebenso leidenschaftlich wie kontrovers gestritten. Fakt ist: Stand heute wird dem eSport in Deutschland die rechtliche Anerkennung und damit elementare Förderung verwehrt. Den politischen Diskurs hat die Frage nach der Förderung des eSports aber längst erreicht. Ja, sie ist sogar fest im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD verankert. Doch was hat sich seitdem eigentlich getan? Kann die Politik das gesellschaftliche Tempo des eSports aufnehmen oder hinkt sie nur tatenlos hinterher? Eine Bestandsaufnahme in drei Teilen.

1. eSports aus Sicht des DOSB

Um sich dem Thema anzunähern, stellt sich zunächst die Frage: Was macht eine Sportart eigentlich zur Sportart? Ist es schlicht und einfach die körperliche Ertüchtigung? Oder ist auch die gesellschaftliche Relevanz ausschlaggebend? Weder der Staat noch der organisierte Sport in Form des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) geben darauf eine klare Antwort. Die Anerkennung erfolgt vielmehr im Zuge eines komplexen Verfahrens. So sieht der DOSB beispielsweise neben motorischen Aktivitäten auch sportliche Werte als wesentliche Elemente vor. Ein Vorgehen, das viel Raum für Interpretationen zulässt und einen idealen Nährboden für hitzige Auseinandersetzungen bietet.

So geschehen auch beim Thema eSport. Befürworter und Kritiker ringen um ein Für und Wieder. Dem DOSB genügen die beim eSport erforderlichen Fähigkeiten – wie eine geübte Hand-Augen-Koordination oder ein blitzschnelles Reaktionsvermögen – bis dato nicht aus, um eSport als Sportart auch faktisch anzuerkennen. Immerhin: Eine Arbeitsgruppe zum Thema eSport existiert seit geraumer Zeit beim Dachverband des organisierten Sports in Deutschland.

2. ESBD kämpft um Anerkennung

Nimmt man die Kriterien des DOSB als Grundlage, so hat der eSport aus Sicht des eSport-Bund Deutschlands (ESBD) längst einen festen Platz im Sport verdient. Die motorische Voraussetzung wird schließlich durch Bedienung von Controllern, Joystick und Co. erfüllt. Viel mehr noch: Forscher der Sporthochschule Köln fanden sogar heraus, dass die körperliche Belastung im eSport weit über der von vielen anderen Sportarten liegt. Vom aktiven Vorleben sportlicher Werte wie Fairness, Respekt und Toleranz ganz zu schweigen.

3. Die Politik im Zick-Zack-Kurs

Die Bundesregierung scheint gegenüber den offiziellen Sportverbänden schon einen Schritt weiter zu sein – theoretisch zumindest. Im Jahr 2017 befürworteten zahlreiche Parteien eine bundesweite Förderung des eSports. Ein Jahr, dass allerdings ganz im Zeichen der bevorstehenden Bundestagswahl stand. Nur das übliche Wahlkampf-Geplänkel also? Nicht ganz. Denn kaum gewählt, vereinbarte die Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD weitreichende Maßnahmen zur Förderung im Koalitionsvertrag. So heißt es beispielsweise, dass der eSport als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht anerkannt und langfristig als olympischer Wettbewerb etabliert werden soll. 

Ein ehrenwertes Unterfangen, das im politischen Alltag aber bisher nur wenig Beachtung erfährt. Vielmehr begleitet und beobachtet die Politik aktuell lediglich die Positionen von Sportverbänden, Wissenschaftlern und Sportrechtlern mit dem Hinweis, dass zunächst die Institutionen des Sports gefordert sind, eine sportfachliche Position zu entwickeln. Ein unverhohlener Versuch, den Ball galant ins Feld des DOSB zurückzuspielen.

Welche Fördermöglichkeiten des eSports bestehen?

Zugegeben, die Anerkennung von Sportarten fällt auf Gesetzesebene nicht in das Aufgabengebiet einer Bundesregierung. Und doch kann sie massiven Einfluss ausüben. In erster Linie geht es dabei um den intensiven Dialog sowohl mit dem DOSB als auch dem ESBD, um das Thema weit oben auf der Agenda zu platzieren. Vor allem aber hat die Regierung die Möglichkeit, gesetzgeberisch im Gemeinnützigkeitsrecht tätig zu werden. Im Gegensatz zu etablierten Sportvereinen aus anderen Bereichen profitieren eSport-Vereine (noch) nicht von den Privilegien der Gemeinnützigkeit. Weniger Bürokratie gegenüber den Behörden, steuerliche Erleichterungen sowie der Zugang zu kommunalen Räumen sind nur einige der Vorteile gemeinnützig anerkannter Vereine. 

Das wohl größte Plus ist aber ein ganz anderes. Die Gemeinnützigkeit ist ein wesentliches Kriterium für die Aufnahme des Sports in den DOSB und kann die Anerkennung so massiv beschleunigen. Ein weiterer Streitpunkt ist die Visa-Erteilung für ausländische Turnier-Teilnehmer. Das Aufenthaltsgesetz sieht vor, dass die Teilnahme an Wettkämpfen an maximal 90 Tagen im Zeitraum von zwölf Monaten möglich ist. Darüber hinausgehende Änderungen sind aktuell nicht vorgesehen, für ein eigenständiges Liga-System mit ausländischen Spitzen-Athleten aber unbedingt notwendig. Und auch die Inanspruchnahme der Leistungssportförderung hält die Regierung für nicht erforderlich. Auf der anderen Seite wird Deutschland als Austragungsort für eSport-Veranstaltungen als durchaus attraktiv eingestuft – vor allem in Hinblick auf Infrastruktur und Kompetenz. Auch die Potenziale des eSports bezüglich Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe werden stets betont, konkrete Maßnahmen lassen aber auf sich warten.

Wie positioniert sich eigentlich der DFB?

Als “Verarmung” und vollkommen “absurd” bezeichnete Reinhard Grindel Anfang 2018 den eSport. Von Gefahr für den traditionellen Fußball ist sogar die Rede. Mehr Abneigung von oberster Stelle geht wohl kaum. Und doch stehen die Chancen gut, dass der DFB seine Haltung gegenüber dem eSport korrigiert. Denn Reinhard Grindel ist zwar ein bekennender Kritiker, aber seit April 2019 eben auch Ex-Präsident des DFB. Seine Meinung zählt heute nicht mehr. Steht der eSport also vor einer Neubewertung innerhalb des DFB?

Das bleibt wohl vorerst abzuwarten. Positive Anzeichen gibt es aber bereits. Grindels Nachfolger Rainer Koch bezeichnet den eSport zumindest inzwischen als festen Bestandteil des Fußballs. Aussagen, die fast schon nach einer Zeitenwende klingen. Jedoch beschränkt man sich beim DFB ausschließlich auf Spieletitel rund um den Fußball und spricht daher auch lieber von E-Soccer. Doch zumindest in dem Bereich scheint man die Zeichen der Zeit verstanden zu haben. Den Beweis liefert die erstmalige Nominierung einer deutschen eNationalmannschaft im März 2019 mit dem Ziel, den deutschen Fußball künftig eben doch in der virtuellen Welt zu repräsentieren. Der Anfang ist also gemacht.

Fazit: Anerkennung des eSports in Deutschland bleibt unausweichlich

Blickt man einmal über den Tellerrand und damit Deutschland hinaus, stellt man fest: Andere Nationen sind bereits einen Schritt weiter. So ist der eSport in den USA beispielsweise vom Justizministerium offiziell als Sportart anerkannt – und das bereits seit 2007. Zahlreiche amerikanische Schulen haben bereits nachgezogen und bewerten eSports ebenfalls als Sportart, die es im Alltag zu fördern gilt. Und auch in asiatischen Ländern wie Südkorea ist der eSport ein fest etablierter Massenmarkt mit finanziellen Möglichkeiten, die in der Form wohl einzigartig sind. Stillstand herrscht aber nicht nur in Deutschland. Einzig Bulgarien kann sich europaweit als Land rühmen, dass eSports bereits offiziell anerkennt. Das zögerliche Handeln der Bundesregierung verhindert also nicht zuletzt auch eine mögliche Vorreiterrolle innerhalb Europas.

Insgesamt bleibt die Bundesregierung weit hinter den eigenen Bekundungen zurück. Was bleibt sind Vereine, die mit rechtlicher Unsicherheit kämpfen und weiterhin auf Selbstorganisation angewiesen sind. Unterdessen rollt der Hype auch ohne Anerkennung unbeirrt weiter. So weit, dass sich immer mehr eSport-Vereine inzwischen einfach selbst organisieren und auch Fußball-Bundesligisten mittlerweile eigenständige Abteilungen gründen. Und zwar ganz unabhängig von offiziellen Entscheidungsträgern. Entwicklungen, die verdeutlichen, dass eine zeitgemäße Diskussion um sportliche Anerkennungen nicht um die Berücksichtigung virtueller Spielewelten umherkommt. Denn eines ist klar: Der gesellschaftliche Aufstieg des eSports hat gerade erst begonnen. Das Ringen um die sportliche Anerkennung geht damit zwangsläufig in die Verlängerung.

Quellenangaben

https://esportbund.de/sportart-esport/

https://www.sportschau.de/weitere/esport/esport-dosb-100.html

https://www.gameswirtschaft.de/politik/esport-anerkennung-bundesregierung-anfrage/

https://www.gameswirtschaft.de/sport/dfb-reinhard-grindel-ruecktritt/

https://www.esportwissen.de/philosophie/

https://www.bluewin.ch/de/digital/games/in-den-usa-verdraengt-esports-football-als-schulsport-232094.htmldipbt.bundestag.de/doc/btd/19/040/1904060.pdf

https://sportbild.bild.de/fifa/2019/e-sport/fifa-team-weltmeisterschaft-london-harkous-bittner-60974848.sport.html